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🪶 Zeit für Seele


Heute enttäusche ich eure Erwartungen – mit Vergnügen

Wilma Wollmilchsau erklärt gut gelaunt, dass sie heute keine Zeit für die Erwartungen ihrer Familie hat und zum Strippoker geht.

 

Wilma hat keine Zeit.

Nicht für die Familie, nicht für irgendeine Aufgabe, die ganz dringend noch erledigt werden müsste, und auch nicht für das, was sie selbstverständlich wieder übernehmen könnte.

Wilma will zum Strippoker.

Und während sie das verkündet, sieht sie keineswegs so aus, als würde sie unter dieser Entscheidung leiden. Im Gegenteil. Sie scheint sich ausgesprochen wohl mit dem Gedanken zu fühlen, die Erwartungen ihrer Mitmenschen für einen Abend gründlich zu enttäuschen.

Vielleicht sogar mit Vergnügen.

Wenn Hilfsbereitschaft selbstverständlich wird

Normalerweise ist Wilma für alle da. Sie kümmert sich, organisiert, hilft und springt ein. Oft macht sie das sogar gern.

Es ist schön, gebraucht zu werden. Es tut gut, anderen eine Freude zu machen oder ihnen etwas abzunehmen. Und manches erledigt Wilma lieber gleich selbst, bevor sie lange erklären muss, wie es gemacht werden soll.

So entsteht mit der Zeit ein vertrautes Muster:

Wenn etwas zu tun ist, macht Wilma das schon.

Die anderen verlassen sich darauf. Nicht unbedingt, weil sie rücksichtslos sind oder Wilma ausnutzen wollen. Sie kennen es einfach nicht anders. Wilma hat ihnen schließlich oft genug gezeigt, dass man auf sie zählen kann.

Und Wilma? Die wundert sich irgendwann, warum niemand fragt, ob sie überhaupt noch Zeit, Kraft oder Lust hat.

 


Erwartungen entstehen auf beiden Seiten

Natürlich können andere Menschen ziemlich viel von uns erwarten. Manchmal sogar erstaunlich selbstverständlich.

Doch gelegentlich haben wir an diesen Erwartungen selbst ein wenig mitgebaut.

Vielleicht sagen wir zu oft: „Kein Problem.“
Vielleicht übernehmen wir Aufgaben, bevor jemand überhaupt darum gebeten hat.
Vielleicht zeigen wir unsere Erschöpfung nicht, weil wir niemanden enttäuschen wollen. Und wenn wir stets den Eindruck vermitteln, dass wir alles schaffen, glauben die anderen uns irgendwann.

Das bedeutet nicht, dass wir selbst schuld sind, wenn uns alles zu viel wird. Aber es kann hilfreich sein, den eigenen Anteil an diesem Muster zu erkennen. Denn genau dort liegt auch die Möglichkeit, etwas zu verändern.

Ich mache es gern – aber nicht immer

Etwas gern zu tun bedeutet nicht, es jederzeit tun zu müssen.

Wir dürfen hilfsbereit sein und trotzdem einmal keine Zeit haben. Wir dürfen uns um andere kümmern und dennoch einen Abend für uns beanspruchen. Und wir dürfen etwas ablehnen, obwohl wir gestern noch bereitwillig zugesagt haben.

Aus bisheriger Hilfsbereitschaft entsteht kein dauerhafter Anspruch auf unsere Zeit und Kraft.

Ein Nein macht all die früheren Ja nicht wertlos. Es macht uns auch nicht lieblos, egoistisch oder unzuverlässig. Es zeigt lediglich, dass unsere Möglichkeiten Grenzen haben – und dass auch unsere eigenen Bedürfnisse dazugehören.

Die kleine Zumutung eines Neins

Nein zu sagen kann sich trotzdem unangenehm anfühlen.

Vielleicht reagiert jemand enttäuscht. Vielleicht kommt ein erstauntes: „Aber du machst das doch sonst auch.“ Vielleicht meldet sich sogar sofort das schlechte Gewissen und beginnt mit einer längeren Ansprache.

Dann braucht es nicht immer eine ausführliche Rechtfertigung.
Manchmal genügt:
„Heute kann ich das nicht übernehmen.“
Oder:
„Heute habe ich etwas anderes vor.“

Was dieses „Andere“ ist, müssen wir nicht zwingend vor einem inneren Gericht verteidigen. Ein freier Abend, ein Buch, ein Spaziergang oder einfach das Bedürfnis, nichts zu tun, sind ebenso gültig wie ein wichtiger Termin.
Und wenn es tatsächlich eine Runde Strippoker ist, darf das natürlich ebenfalls unter persönliche Angelegenheiten fallen.

Andere dürfen enttäuscht sein

Selbstfürsorge bedeutet nicht, dass jede unserer Entscheidungen von allen begeistert aufgenommen wird.

Andere Menschen dürfen es schade finden, wenn wir Nein sagen. Sie dürfen sich etwas anderes gewünscht haben. Ihre Enttäuschung ist jedoch nicht automatisch der Beweis dafür, dass unsere Entscheidung falsch war.

Wir können freundlich bleiben, ohne unsere Grenze zurückzunehmen.
Vielleicht müssen sich die anderen erst daran gewöhnen, dass Wilma nicht immer verfügbar ist. Und vielleicht muss Wilma selbst sich ebenfalls daran gewöhnen.
Denn Grenzen setzen heißt nicht nur, anderen ein neues Verhalten zuzumuten. Es bedeutet häufig auch, das eigene schlechte Gewissen eine Weile auszuhalten.

Heute einmal nicht

Wilma wird vermutlich weiterhin helfen, organisieren und für ihre Familie da sein. Das gehört zu ihr, und vieles davon macht sie wirklich gern.

Aber heute nicht.

Heute lässt sie eine Aufgabe liegen. Heute rettet sie nicht den gesamten Familienbetrieb. Heute entscheidet sie sich für das, worauf sie selbst Lust hat.
Und während irgendwo jemand erstaunt feststellt, dass Wilma tatsächlich Nein gesagt hat, macht sie sich gut gelaunt auf den Weg.
Schließlich kann man nicht jeden Tag die Erwartungen aller erfüllen.
Manchmal muss man sie auch ein wenig enttäuschen – notfalls mit Vergnügen.