
So geiht dat nich.
Mein Aufreger des Monats Juli 2026: Dieter Nuhr
Als Gegenpol zum Om – manchmal darf es auch mal knirschen.
In seiner Sendung "Nuhr im Ersten XXL" hat Dieter Nuhr kürzlich über Femizide gewitzelt – und mit einer Pointe, die es in sich hat: Man solle den Partner doch vor dem Geschlechtsverkehr "einmal kennenlernen", dann könne man sich vor Gewalt schützen. Das Publikum lachte, applaudierte sogar. Ich nicht.
Was mich daran stört, ist nicht nur das Thema – es ist die Logik dahinter.
Nuhrs Pointe tut so, als wäre Gewalt gegen Frauen ein Erkennungsproblem am Anfang einer Beziehung. Als könnte man vorher schon sehen, wer gefährlich wird, wenn man nur genug "Menschenkenntnis" mitbringt. Das ist nicht nur falsch – es verschiebt die Verantwortung stillschweigend von den Tätern auf die Frauen. Als wäre das Entscheidende nicht, dass Frauen getötet werden, sondern dass Männer dabei ein gutes Image behalten.
Gewalt entwickelt sich. Sie kündigt sich nicht an.
Ich kenne das aus eigener Erfahrung. Mein Vater war rasend eifersüchtig. Kam meine Mutter zehn Minuten später von der Arbeit, fragte er, was sie in der "Hurverwaltung" wohl noch getrieben habe. Nur eine Frage, könnte man meinen. Aber in der Wiederholung wird aus so einer Frage ein Klima – ein Klima der ständigen Rechtfertigung, des permanenten Misstrauens. Das erkennt man nicht am ersten Abend. Das entsteht über Jahre.
Ich hatte damals einen Satz im Kopf, der es für mich bis heute auf den Punkt bringt:
Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft.
Sie sucht sich ihre Gründe selbst – unabhängig davon, ob es objektiv einen gibt. Das ist das Perfide daran. Und genau das macht "vorher besser kennenlernen" zu einem Ratschlag, der an der Realität vorbeigeht.
Satire darf das. Aber nicht so.
Ich mag Kabarett. Dieter Hildebrandt hat mit dem "Scheibenwischer" jahrzehntelang gezeigt, wie politische Satire funktioniert: Man zielt nach oben, auf die Mächtigen, auf Heuchelei in der Politik. Oliver Welke macht mit der "heute-show" im Grunde dasselbe – die Zielscheibe ist das System, sind die Verantwortlichen, nicht die Ohnmächtigen.
Gute Satire boxt nach oben. Diese Pointe boxt nach unten.
Dazulernen wäre möglich gewesen.
Man kann sich als Komiker ja auch entwickeln. Michael Mittermeier zum Beispiel war früher für seinen lauten, aggressiven Stil bekannt – volle Attacke, viel Tempo. Mittlerweile ist er spürbar ruhiger, reflektierter geworden. Das zeigt: Älter werden muss nicht bedeuten, stur beim alten Reflex-Humor zu bleiben. Es kann auch heißen, treffsicherer zu werden, statt einfach nur platt auszuteilen. Bei Nuhr scheint mir davon wenig angekommen zu sein.
Und dann noch das:
Selbstsichere Männer müssen sich meiner Meinung nach nicht über tote Frauen lustig machen, um sich groß zu fühlen. Manche Pointen verraten eben mehr über den Komiker als über sein Thema. Hat er Angst vor Frauen? Ich weiß es nicht. Aber echte Souveränität braucht jedenfalls keine toten Frauen als Pointe.
"Auffällig war, dass ausgerechnet die Intendantin selbst die entschärfende Formel lieferte: 'Das gehört zur Demokratie, das auszuhalten.' Ob diese Gelassenheit auch den 325 Menschen zuteilwird, die eine formelle Programmbeschwerde eingereicht haben, wird sich zeigen – 'genau ansehen' ist schließlich noch keine Antwort."
Eure Hilde Donnerwetter
So. Aufreger raus, Kopf wieder frei. Nächsten Monat dann wieder mehr Om.


