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🪶 ZeitFürSeele

Die Terror-Muse schlägt um 5 Uhr zu

Über Josie, ein bewährtes Eskalationsprotokoll und die Frage, wer hier eigentlich wen erzieht.


Es ist 5 Uhr morgens. Draußen ist es noch dunkel. Ich schlafe tief und fest — oder zumindest war das der Plan.

Josie hat andere Pläne.

Sie beginnt immer sanft. Eine Pfote, die sich leise aber bestimmt auf meine Schulter legt. Ein Stupsen. Ein Hinweis. Falls ich — was regelmäßig vorkommt — nicht reagiere, folgt Stufe zwei: Sie setzt sich hin und schreit mich an. Nicht miaut. Schreit. Laut, durchdringend und mit einer Überzeugungskraft, die jeden Zweifel ausschließt. Ich fahre aus dem Schlaf hoch und stehe gefühlt senkrecht im Bett, bevor ich überhaupt weiß wo ich bin.

Josie hat ein Eskalationsprotokoll. Stufe 1: sanfte Pfote. Stufe 2: Alarmsirene. Es gibt keine Stufe 3 — die braucht sie nie.

Also stehe ich auf. Was bleibt mir anderes übrig.

Ich tapse hinter ihr her in den Flur. Und dann — jeden Morgen, ausnahmslos, als wäre es ein heiliges Ritual — hält sie an. Mitten im engen Flur. Geht nirgendwo hin. Tut stattdessen das, wofür sie offenbar genau diesen Moment aufgespart hat:

Beine nach vorne — strecken. Beine nach hinten — recken. Rücken durchbiegen. Alles ganz langsam. Mit Genuss. Mit einer Würde und Gemächlichkeit, die ich um 5 Uhr morgens schlicht nicht aufbringen kann.

Ich stehe dahinter. Halb schlafend. Die Augen halb offen. Und murmel: "Geh' schon." Josie hört mich. Ich bin mir sicher, sie hört mich. Sie ignoriert mich mit der souveränen Gleichgültigkeit, die nur Katzen wirklich beherrschen.

Irgendwann ist das Morgen-Yoga beendet. Sie geht. Ich mache die Tür auf. Sie verschwindet. Ich lege mich wieder hin.

Und dann passiert etwas Merkwürdiges.

Mein Kopf, der eben noch im Tiefschlaf war, ist plötzlich hellwach. Ideen tauchen auf. Gedanken verbinden sich. Bilder entstehen. Es ist als hätte jemand einen Schalter umgelegt — und dieser jemand sitzt gerade draußen und putzt sich zufrieden die Pfoten.

Ich habe lange gebraucht um zu verstehen, dass Josie mich nicht terrorisiert. Sie coacht mich. Jeden Morgen. Pünktlich um 5 Uhr. Ohne Rechnung, ohne Termin, ohne jede Rücksicht auf meine Schlafbedürfnisse. Dafür aber mit vollem Erfolg.

Terror-Muse nenne ich sie zärtlich. Und ich meine es genau so — zärtlich. Denn ohne sie würden manche meiner besten Gedanken vielleicht einfach weiter schlafen.

Josie und ich — wir ziehen übrigens bald gemeinsam nach Griechenland. Aber davon erzähle ich an anderer Stelle. Sie weiß es schon. Sie hat es vermutlich schon längst entschieden.